erschienen in: www.dichtung-digital.de/Interviews/Berkenheger-28-Sep-00
 
 
 

                                        Teil II - "Hilfe!" (Teil I)
                   dd: Eine solche Beobachtung des Lesers strebst du auch in deiner
                   Hyperfiction "Hilfe" an, die 1999 in Ettlingen prämiert wurde. Es handelt sich
                   wieder um ein reines, mit dem Kombinationseffekt der Hyperfiction arbeitendes
                   Textwerk, dessen Figuren in kleinen Java-Fenstern auf dem Bildschirm
                   erscheinen, was diesen zu einer Bühne macht und dem Ganzen in der Tat
                   einen theatralen Effekt gibt. Die Person Jo wird aus einem Flugzeug geworfen
                   (je nach benutztem Link über dem Gebirge oder über dem Meer) und trifft,
                   unten angekommen, auf Ed, Pia, Lea, Max, die nun ihre verschiedenen
                   Hoffnungen im Hinblick auf Jo hegen. Im Grunde geht es darum, mit wem Jo
                   sich einlässt. Die Java-Fenster zeigen die gesprochenen Sätze der Personen
                   an, der dazu erscheinende Text im Hauptfenster verrät ihre heimlichen
                   Gedanken. Recht schnell gelangt man an Textstellen, die entweder Jo in das
                   jeweils andere Geschlecht verwandeln oder ihn/sie an den Ausgangspunkt
                   Flugzeug zurückführen, um den Fenstersturz und die Begegnung mit Ed, Pia,
                   Lea und Max zu wiederholen. Auf diese Weise begegnet man allmählich schon
                   gelesen Passagen, die nun ein bisschen anders fortgeführt werden, wenn man
                   nun einem anderen Link folgt. Habe ich den Text soweit richtig verstanden?

                   SB: Du beschreibst ihn bestens. Nur eins vielleicht noch: Die vier Figuren, Ed,
                   Pia, Lea und Max schreiben vielleicht eher, als dass sie sprechen. Die laut
                   "gesprochenen Sätze" funktionieren wie der Betreff ihrer heimlichen
                   Mailbotschaften oder das im Chat oder MUD öffentlich getippte, das dem
                   heimlichen "Gedanken-"Geflüster voraneilt. Ich hatte eine Zwittersprache im
                   Sinn, zwischen mündlich und schriftlich.

                   dd: Was die schon angesprochene Beobachtung des Lesers betrifft, so
                   schreibst du im Begleittext: "Als ich mit »Hilfe!« begann, stellte ich mir die
                   Kontrolle und den dadurch möglichen Dialog mit dem Leser ziemlich
                   umfassend vor: Vier fiktive Personen beobachten ihn, buhlen um seine
                   Aufmerksamkeit, machen Jagd auf ihn. Sollte er etwa seine Maus unsicher
                   über den Bildschirm bewegt haben, gezögert oder im Gegenteil so schnell
                   weitergeschweift sein, dass er unmöglich den Text gelesen haben konnte? Die
                   vier würden darauf reagieren, verschieden, je nach Charakter. Der Leser sollte
                   Konsequenzen spüren." Mit welchen Konsequenzen muss der Leser hier
                   rechnen?

                   SB: Oh, mit gar keinen, überhaupt nicht, ich schwör's, davon bin ich völlig
                   abgekommen, und wenn es welche gäbe, würde ich natürlich dasselbe sagen ;)

                   dd: Gut, versuchen wir es anders. Du sagtest vorhin, dass die Absicht, den
                   Leser zugleich Mitspieler sein zu lassen, eine Menge Probleme hervorbrachte.
                   Welcher Art sind diese?

                   SB: Das Grundproblem ist: Wie bringe ich die Leser dazu, Mitspieler zu
                   werden und wollen die das überhaupt? Mein erster Versuch ging so: Da "Hilfe!"
                   eine Art MUD oder Chat darstellen (nicht sein) soll, schrieb ich erst mal so, als
                   wäre es einer. Und weil es dort üblich ist, dass einem permanent mitgeteilt
                   wird, was man selbst gerade tut, z.b. "Du reißt dir jetzt alle Haare einzeln aus",
                   dachte ich, genau das mach ich mit dem Mitspielerleser auch. Ich erzähle ihm,
                   was mit ihm passiert und was er mit seinen Klicks tut, damit soll klar werden,
                   dass ein Klick kein Seitenumblättern ist, sondern ein ganzer Satz innerhalb der
                   Geschichte. Bei ersten Probeläufen stellte ich dann erstaunt fest, dass gar
                   nicht wenige Menschen plötzlich darauf bestehen, dass sie sich die Haare gar
                   nicht ausreißen, nicht nur jetzt nicht, sondern dass sie das auch nie und auf
                   keinen Fall tun würden. Das Lustigste, was ich in dieser Richtung erlebt habe,
                   war ein Freund von mir, der mich nach der "Hilfe!"-Lektüre vollkommen
                   unschuldig fragte, wer eigentlich dieser "Du" in der Geschichte sei. Ich darauf:
                   "Na du halt!" und er dann wieder "Wie, ich?". Völlig absurd. Und dann erzählte
                   er, dass er während des Lesens immer irgendwie den Wunsch gehabt hätte,
                   hinter sich zu schauen, ob da noch mal einer stehe, der dieser "Du" vielleicht
                   sein könnte. Weil er, da war er sich sicher, er war dieser "Du" nicht, er wäre,
                   wenn schon, ein ganz anderer "Du".

                   Ich schloss daraus, dass das Du und die Gegenwartsform der Erzählung
                   manchen offenbar zu sehr auf den Leib rücken und sie dadurch keineswegs in
                   die Geschichte hinein-, sondern auf direktem Weg hinauskatapultiert werden.
                   Das war Problem A. Deshalb führte ich die Identifikationsfigur Jo ein und
                   wechselte ins Imperfekt. Tatsächlich fällt es jetzt vielen leichter, der
                   Geschichte zu folgen, aber dafür taucht Problem B häufiger auf. Die Leser
                   vergessen oder kapieren nicht, dass sie Jo spielen, dass sie klicken müssen,
                   damit was passiert und dass das, was daraufhin passiert, eine Reaktion auf
                   ihren Klick ist.

                   Wie im Mitmachtheater ist das: Ein Zuschauer wird auf die Bühne gezerrt, die
                   Schauspieler erklären ihm kurz seine Rolle, er spielt mit, solange er am Zug
                   ist. Sobald er jedoch eine Weile nicht "dran" ist, vergisst er die Rolle wieder, ist
                   wieder ganz Zuschauer, der zufällig und deplatziert auf der Bühne rumsteht,
                   hofft, dass er unsichtbar sei, und wenn er dann wieder angesprochen wird,
                   schaut er vermutlich erst mal hinter sich, ob da einer steht, der gemeint sein
                   könnte. Er doch nicht!

                   Hyperfiction müsste dem Leser ermöglichen, dass er permanent und ohne
                   Anstrengung zwischen Zuschauerraum (seiner Rolle als Leser) und Bühne (der
                   Rolle des Mitspielers) hin- und herspringt, und es müsste natürlich Leser
                   geben, die das mögen und auch können, weil sie Übung drin haben. Das hat
                   aber im Moment kein Mensch, der Autor auch nicht.

                   dd: Auf diese Frage würde ich gern in vier, fünf Jahren zurückkommen. Jetzt
                   aber zur Gretchenfrage der digitalen Literatur. "Hilfe!" arbeitet noch stärker als
                   "Zeit für die Bombe" mit Effekten, die fortgeschrittene Kenntnisse im
                   Programmieren erfordern: Wie hältst du es mit der Technik? Muss der moderne
                   Dichter auch die Software perfekt beherrschen oder darf er sich, wegen der
                   Konzentration aufs Wesentliche, mit jemandem zusammentun, der sich schon
                   damit auskennt?

                   SB: Das Wesentliche der digitalen Literatur? Was ist das denn? Sprichst du
                   vom Text? Oder von Text und Bild? Plus Navigation und Konzept? oder ... Das
                   ist wie beim Film vielleicht. Was ist da das Wesentliche? Das Drehbuch, die
                   Schauspieler, die Kamera, die Schnitttechnik? Hm. Entscheidend ist halt - das
                   Ergebnis, find ich. Wie viele daran gearbeitet haben, ist mir als Zuschauer doch
                   egal. Ich programmiere selbst, weil es mir Spaß macht. Es ist so beruhigend
                   und so klar: Entweder es klappt oder nicht, bei einem Text, da weiß man doch
                   nie, nie hilft einem da zum Beispiel eine Script-Fehlermeldung, so in der Art
                   "Assoziationsfehler in Satz 13, Wort 4 bis 7: schlappe Schnittmenge;
                   Satzrhythmusfehler Zeile 301: Zunge bricht beim Zeichen 45" oder Figurenfehler
                   in Zeile 10: Wer ist der "Du"?

                   dd: Eine klare Haltung zu einem umstrittenen Phänomen. Weiter im Text: Beat
                   Suter sieht in seinem Buch "Hyperfiktion und interaktive Narration" in "Zeit für
                   die Bombe" und "Die Aaleskorte der Ölig" die Vertreter einer neuen Avantgarde.
                   Wie siehst du dich selbst? In welcher Tradition stünde eine solche Avantgarde?
                   Welche Brüche sind ihr wichtig?

                   SB: Entschuldigung, aber mir ist das vollkommen "wurscht". Das ist erstens
                   meine ehrliche Meinung und zweites eine kleine Referenz an Hannes
                   Auers T-Shirt-Fabrikverkauf, wo es unter anderem auch mein Lieblings-T-Shirt
                   "Avantgarde ist wurscht" zu kaufen gibt. Am besten stellt man sich jetzt vor,
                   dass ich es gerade anhabe. Mit Avantgarde, überholten oder nicht überholten
                   Postulaten der Moderne hat das, was ich mache, eigentlich überhaupt nichts
                   zu tun. Es ist eine rein persönliche Vorliebe für noch unbesetzte und damit
                   angenehm freie Experimentierfelder.

                   dd: Ob Avantgarde oder nicht, der Wunsch, die Regeln des linearen Erzählens
                   aufzubrechen, hat zumindest einige Tradition und scheint mit dem Computer
                   seine eigene Technologie gefunden zu haben. Welche Ausdrucksmöglichkeiten
                   siehst du in der Hypertextstruktur?

                   SB: Oh Schreck, darüber denke ich eigentlich nie nach. Wie rechtfertige ich
                   mich jetzt? Vielleicht so: Gäbe es das Internet nicht, würde ich wohl keine
                   Hypertexte schreiben. Damit ist eigentlich alles gesagt. Fast alles, was ich für
                   das Internet geschrieben habe, macht sich im Grunde Erfahrungen in und mit
                   dem Netz zum Gegenstand. Nur deshalb verwende ich diese Struktur, ich
                   verspreche mir nichts Spezifisches von ihr und sie hat sicher ihre
                   Beschränkungen. Aber zunächst mal ist sie einfach da, und was sich innerhalb
                   dieser Struktur erleben lässt, kann möglicherweise auch mit dieser Struktur am
                   Besten ausgedrückt werden. Das ist mein Gedanke dabei - ziemlich simpel.
                   Ich habe auch nie das Gefühl, irgendetwas aufzubrechen, z.B. die Regeln des
                   linearen Erzählens, ganz im Gegenteil bin ich vielmehr damit beschäftigt,
                   meine im Netz so leicht auseinanderfallenden Textseiten irgendwie
                   zusammenzuhalten.

                   dd: Die Struktur ist das eine, die eingesetzten Sprachcodes das andere.
                   Hypertext begann einmal als reines Textunternehmen, es ging allein um die
                   multilineare Anordnung von Worteinheiten, und etwas anderes war in jenen
                   Tagen vor der Bildfähigkeit der Computer und des Netzes auch gar nicht
                   angesagt. Dass der Textpurismus nicht nur aus der Not eine Tugend macht, ist
                   Robert Coovers Klage über die Multimedialisierung des Webs zu entnehmen.
                   Coovers Essay Anfang 2000 hat den vielsprechenden Titel Literary Hypertext:
                   The Passing of the Golden Age; eine Zeile darin lautet: "hypertext is now used
                   more to access hypermedia as enhancements for more or less linear narratives
                   [] the reader is commonly obliged now to enter the media-rich but ineluctable
                   flow as directed by the author or authors: In a sense, it's back to the movies
                   again, that most passive and imperious of forms." Dieser Ansicht steht eine
                   andere gegenüber, nach der auch Hypertexte sich - um der Erzähl- und
                   Genießbarkeit willen - an Regeln des linearen Erzählens werden halten müssen
                   und dafür andere Elemente des digitalen Mediums stärker einsetzen sollten.
                   Du experimentierst in deinen Hypertexten ja ausschließlich mit der Struktur
                   und enthältst dich jeglicher Bild- oder Tondateien. Welche Zukunft hat die
                   klassische, rein textbasierte Hyperfiction deiner Meinung nach?

                   SB: Zukunft? Kennst du den Buddha-Dreizeiler: Es wird weitergehen, anderes
                   wird kommen, wir werden sehen, was kommt. Ich finde, da hat er recht, der
                   Buddha. Die andere Sache ist: Schreibe ich denn wirklich klassische, rein
                   textbasierte Hyperfiction? Dass es bei mir keine jpgs oder gifs gibt, heisst ja
                   nicht, dass ich keine Bilder verwende. Ich stelle die Bilder eben über den
                   HTML- und Javascript-Code her, über Frames, Fenster, Tabellen, Farben - du
                   hast es ja selbst beschrieben, dass z.B. "Hilfe!" den Bildschirm zur Bühne
                   macht. "Die Welt als Rechteck" könnte das Gestaltungsprinzip heißen. Ich
                   finde das passend. Und wenn ich mal Ton verwenden will, dann werde ich mich
                   ziemlich sicher erst mal nach computergenerierten Dingen umsehen. Wer
                   dagegen Bild- und Tondateien auf seinen Webseiten verwendet, benutzt den
                   Computer als Träger/Medium, mich interessiert er mehr als Generierer.

                   dd: Die Prämierung sowohl von "Zeit für die Bombe" wie "Hilfe!" hat dich in der
                   Hypertext/Netzliteratur-Szene recht bekannt gemacht und zu verschiedenen
                   offiziellen Einladungen geführt, was angesichts der mangelnden medialen
                   Aufmerksamkeit für das literarische Netzgeschehen noch recht ungewöhnlich
                   ist. Wie sieht dein Leben als 'Hypertext-Handlungsreisende' aus?

                   SB: Ein dunkles Kapitel. Mitten in der Nacht, an Feiertagen oder in sonst
                   schwachen Momenten rufen irgendwelche Leute an und wollen, dass ich
                   irgendwohin komme. Und die sind so unwahrscheinlich hartnäckig, weil sie
                   glauben, ich sei eine riesige Attraktion für ihr Programm. Ich versuche ihnen
                   klar zu machen, dass das keinesfalls so ist, aber das wollen sie natürlich nicht
                   hören etc. etc, das sehen sie dann erst am Tag der Aktion.

                   Man muss ziemlich viel Werbung machen, damit eine solche Veranstaltung
                   läuft, und dann muss der Ort stimmen, er muss mit den richtigen Dingen
                   besetzt sein, das Equipment muss da sein, und so weiter ... Hannes Auer ist
                   das zum Beispiel mal gelungen. Da war es wirklich ziemlich gut. Mit zwei
                   Sprechern, drei Monitoren, Beamer und Funkmaus ... das funktionierte
                   bestens, alle haben sich amüsiert. Der Journalist von der Stuttgarter Zeitung
                   schrieb dann, dass "Hilfe!" auf Ideen verweise, die Raymond Queneau im Sinn
                   hatte ... Das stimmt zwar nicht, aber an diesem Abend mag das vielleicht so
                   ausgesehen haben, weil die Leute so wild drauf losklickten und auch ganz
                   unglaubliche Zufallsbedeutungen entstanden ... Sowieso, stört mich ein solcher
                   Eindruck ja nicht. Genau das, also wie die Leute klicken, das ist natürlich das
                   Interessante für mich. Deswegen mache ich das. Und das ist so
                   unterschiedlich, erstaunlich, immer wieder überraschend.

                   dd: Ich wünsche uns, dass dies so bleibt, und bedanke mich für die
                   ausdauernden Antworten.
                                               ***

                   "Hilfe!" erschien im Oktober 2000 als CD ROM
                   im update verlag, Zürich, edition cyberfiction 1
                   ISBN 3-908677-07-6, Preis: ca 30 Franken